| 28./ 30. September 2007 |
Festgottesdienste zum Abschluss der Feierlichkeiten
Nach vier erfolgreichen, interessanten und gut besuchten Festwochenenden starteten wir in die letzte Runde unseres Geburtstagsfestes.
Eine große Anzahl Jugendlicher hatte sich am Freitagabend auf den Weg zur Kirche gemacht, um mit der Jugendband „Christoph Kuhn & Friends“ den eigentlichen Geburtstag unserer Gemeinde zu feiern.
Ein toller Gottesdienst mit flotten Liedern und Texten zum Nachdenken ließ diesen Gottesdienst zu einem ganz besonderen Erlebnis werden.
Im Anschluss daran trafen sich die Jugendlichen zu einer „heißen“ Party im Gemeindehaus und feierten sicher bis in den frühen Morgen.
Der Festgottesdienst am Sonntagmorgen wurde dann für viele zu einem Erlebnis der besonderen Art. Eigens für diesen Gottesdienst hatten sich die Chöre von Herz-Jesu, Heilig Geist/St. Hildegard und der evangelischen Kirchengemeinde Fechenheim zusammengetan und mit ihrem Gesang den musikalischen Teil dieses Gottesdienstes mitgestaltet. Neben dem „ökumenischen Chor“ sorgte eine Schola für rhythmische Musik und damit kamen auch die Freunde des “neuen Geistlichen Liedes“ auf ihre Kosten. In seiner Festpredigt ließ Pfarrer Dexelmann den Gedanken seiner Zuhörer freien Lauf mit der Frage: Sind wir gut? Und ließ dabei die 100-jährige Gemeindegeschichte noch einmal Revue passieren.
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Von Dankesreden und Glückwünschen aus Vereinen, der Politik und anderen Organisationen hatten die Organisatoren abgesehen und luden stattdessen zu einem ausführlichen „Frühschoppen“ mit Weißwurst und Fassbier ein. Natürlich wurden auch wieder die frisch gebackenen Laugen-Herze serviert. Bei strahlendem Sonnenschein und sommerhaften Temperaturen trafen sich so manch alte Bekannte wieder und plauderten über die gemeinsamen Zeiten.
Es war ein gelungener Abschluss der fünfwöchigen Feierlichkeiten und diese werden sicherlich in der Gemeindechronik einen gebührenden Platz einnehmen. Allen die zum Gelingen der unterschiedlichen Veranstaltungen beigetragen haben ein großes Lob und ein herzliches
DANKESCHÖN.
Jubiläumspredigt 100Jahre Herz-Jesu Frankfurt-Fechenheim
Liebe Hörerinnen und Hörer des Wortes,
liebe Fechenheimer, liebe Gäste,
- Die erste hängt mit einem gelben Fahrrad zusammen. Ein nagelneues Rennrad war es. Es fiel mir auf, als ich bei der Predigtvorbereitung im Mansardenzimmer eine kreative Pause machte und runter auf Alt Fechenheim sah. Da stand das Fahrrad in seinem labilen Gleichgewicht. Sein Besitzer konnte wegen seines Alkoholpegels nicht mehr aufsteigen. Auch das Schieben endete in Stürzen. Das schöne Fahrrad hat mir leid getan. Ich lief runter und fragte. Wo willst du hin? Ich helfe Dir. Zwei wankende Gestalten, ein nagelneues Rennrad schiebend. Da blieb er plötzlich stehen und schaute mich groß an mit seinem verheulten Gesicht und seinen versoffenen Augen und brüllte mich an: Bist du gut?. Bis wir irgendwo am Schützengraben bei ihm daheim waren, hat er die Frage oft wiederholt. Und sie bohrt sich bis heute millimeterweise in meine Seele: Bist du gut?
- Fechenheim ist doch ein Dorf. Das ist der zweite Spruch. Ich hörte ihn als wir mit den Sternsingern am Bahnübergang an der Cassellastraße warteten. Ein Radfahrer, wohl aus der Fabrik kommend, sah uns, als er vor der Schranke stoppte. Und das war sein Kommentar: Fechenheim ist doch ein Dorf.
- Der dritte Spruch wurde erst bedacht, als ich schon lange Zeit von Fechenheim weg war. „Herr Pfarrer, sie sehen wohl oft Gangsterfilme“ sagte mir ein Reifenberger. „Wieso?“ sagte ich, „ich habe doch keinen Fernseher.“ „Sie sagen doch immer: Alles klar – keiner weiß Bescheid. Wo haben sie denn diesen Spruch aufgegabelt?“ Ich habe dann Quellenforschung betrieben, so, wie wir das im Studium gelernt hatten, und den Sitz im Leben bedacht. Also die Situation, in der dieser Spruch gefallen war. Und das war dann eine Fechenheimer Standardsituation: Nach der Kirche vor der Kirche pflegte einer den Stehkonvent abzuschließen mit diesem coolen Spruch: Alles klar – keiner weiß Bescheid. Und das war der Günter Müller. Auch Pfarrgemeinderatsitzungen und Treffen der Aktion 365 pflegte er so zu mit seinem breiten Lachen zu beenden, bevor er heimschlenderte in die Seehecke.
- Bist du gut?
- Alles klar – keiner weiß Bescheid.
- Fechenheim ist doch ein Dorf
Diese 3 Sprucherinnerungen voraus. Dann aber muss ich auf den Abgrund zu sprechen kommen, über den hinweg der Vater Abraham dem reichen Prasser zuruft, dass er gar nicht so einfach zu überwinden ist. Der Abgrund zwischen dem Wohlleben und dem Elend. Den reichen Prassern und den armen Lazarussen. Na, ja, Vater Abraham. So schlimm ist das gar nicht mehr, die Zeiten haben sich geändert. Die Abgründe sind so tief nicht mehr. Wir haben Internet und Globalisierung, die Welt ist ein Dorf, alles rückt zusammen. Gut, sagt der Vater Abraham. Das ist ja toll. Dann überbrückt ihr also die Abgründe zwischen arm und reich, Elend und Wohlleben? Na, ja, sagen wir. Wir haben uns das so einfach vorgestellt in den 70ger Jahren: Der Fortschritt bringt die MenJubiläumspredigt 100Jahre Herz-Jesu Frankfurt-Fechenheim 2 schen schon zusammen. Aber die Abgründe sind tiefer geworden. Die Abgründe zwischen Arm und Reich hier. Vor der Haustür, die Armen Lazarusse. Die Abgründe zwischen wohlstands- und Elendswelten. Die Abgründe zwischen den Nationen. Zwischen den Zivilisationen. Clash of civilisations Nun, Vater Abraham, hier in Fechenheim haben sich deine Leute diesen Abgründen gestellt. Die Klüfte, die die Menschen haben auseinander driften lassen, wurden wahrgenommen und Brücken gebaut.
Vor 100 Jahren – Industrialisierung, Proletariat, Industriearbeiterschaft aus dem Fuldaer Land. Die Leute, die hier die Herz-Jesu Gemeinde bildeten, überbrückten Abgründe. Wenn ich es richtig aus der Chronik deute, zuerst mit Standesseelsorge: KAB, Männerverein, Mütterverein. Jungfrauen, Jungmänner, Kinder. In starken Vereinen haben sich die Menschen zusammengetan. Aus dem Glauben heraus Atmosphäre geschaffen, ein Wir Gefühl, Nestwärme, ja fast dörfliche Elemente haben sie gegen den Elendsabgrund gebaut. Konnte er überbrückt werden? Die Pioniere der Gemeinde sind schon bei dir, Vater Abraham. Ja, ruft der Vater Abraham, hier sind schon welche aus Fechenheim Herz Jesu und st. Hildegard. So hat er mir im Traum zugerufen, aber ich habe die Namen nicht verstanden. Ein irres Gemeindegefühl, Corporate identity, die Brötchen mit Heiligen geteilt zu haben. Vater Abraham, frag sie mal, ob es ihnen gelungen ist, Brücken zu bauen. Wir jedenfalls haben aus dieser Gründerzeit noch starke Impulse gespürt, für den Zusammenhalt bis in die 70ger Jahre hinein.
Ja, und, fragt der Vater Abraham, wie ist es weiter gegangen? Die Alten sagten: Dann kam der Krieg, die Brötchen wurden kleiner… Fechenheim wurde gleichgeschaltet, mit der ganzen Nation in den Abgrund des Krieges getrieben. Was für Abstürze, Katastrophen in jedem Leben. Neue Abgründe, neue Lazarusse, die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter. Ob da Einzelne die Abgründe überbrücken konnten? Eher haben sie erlebt, wie das kirchliche Leben mit hineingerissen wurde. Und doch überbrückungen. Zusammenhalt aus den Bombennächten. Katholiken und Protestanten fanden zusammen. Und starkes Gebet.
Dann die Trümmerlandschaften der Seelen, der kaputten Fabriken. Menschen brachten sich ein, um die Bombentrichter zu überbrücken. Was vorher die Fliedener waren, das waren jetzt die Vertriebenen – sie kannten den Abgrund brachten sich selbst ein in überbrückungen. ärmel aufkrempeln, anpacken, alles klar, keiner weiß Bescheid. Und dann wurde geschafft. Solidarität und Geselligkeit. Schwarze 11 und Fronleichnamsprozession, Siedlungshäuschen bauen und Maiandachten. Kirchenchor und formierte Jugendarbeit. Schwesternhaus und Kindergarten. Versengte Seelen, aber welch ungeheurer, kameradschaftlicher Elan, Vater Abraham. Herz Jesu war schon eine überbrückung über die Abgründe der 50ger Jahre. Bist du gut? Die Nachkriegsgeneration hat hier Antworten gegeben. Alles klar, keiner weiß Bescheid.
Dann kam der Wohlstand, die Brötchen wurden wieder belegt, Vater Abraham. Natürlich gab es noch arme Lazarusse. Aber man konnte gut wegsehen. In der Linie 14 roch es nach Knoblauch und die Edelfrankfurter rümpften die Nase. Wieder kamen Migranten und halfen uns gegen den Dünkel der reichen Prasser. Pietro Bartalesi und die italienische Gemeinde können die Strophen des Liedes von den Abgründen weitersingen. Von überbrückten Abgründen Jubiläumspredigt 100Jahre Herz-Jesu Frankfurt-Fechenheim 3 aber auch von abgebrochenen Brücken. Jugendarbeit, Pfadfinder, Familienkreise, Aktion 365. Pfarrgemeinderat mit Pfarrer Grabisch und den Kaplänen. Mit was haben die denn Abgründe überbrückt, fragt der Vater Abraham. Ich möchte mal sagen, mit Glauben, mit Geselligkeit und mit spurenhafter Solidarität. Im Gartenhäuschen vom Pfarrer Seuffert haben elende Gestalten geschlafen und Menschen mit innerem Adel haben sich in den Teppich dort eingerollt. Abgründe der Generationen wurden deutlich in manchen Konflikten. Jugendclubs im alten Schwesternhaus und politische Auseinandersetzungen. Hier in Fechenheim haben die Menschen die Abgründe vielleicht stärker gespürt, als sonst, sich ihnen aber auch deutlicher gestellt. Das gilt auch besonders für St. Hildegard, sozusagen als Filialgemeinde mit der sozialen Brennpunktarbeit. Und für die ökumenische Zusammenarbeit.
Dann kam der Petrak und die Brötchen wurden geteilt. Ein neuer Blick auf die Abgründe und viel praktischer Mut zur überbrückung. Ja, Vater Abraham, Jesus hat es doch nicht umsonst erzählt das Gleichnis vom armen Lazarus. Das haben jedenfalls viele gespürt in den 80ger und neunziger Jahren.
Hundert Jahre Herz Jesu, Vater Abraham. Da gab es auch Abstürze. Wie viele Menschen sind uns einfach weggebrochen aus dieser Weggemeinschaft. Arme Lazarusse. Selbstbewusste Menschen. Kirchenkritisch denkende. Sehr engagierte, die sich statt Freude am Glauben tiefen, tiefen Kirchenfrust reingezogen haben. Von kirchlichen Saubermännern ausgebremste Frauen und Männer. Ja, ruft der Vater Abraham, da habt ihr Amputationsschmerzen. 100 Jahre Fechenheim erinnern. Das kann schon weh tun. Bist du gut?
Ja, Vater Abraham, du hast recht. Ja, es sind Abgründe offen geblieben.
Und zweitens fragt der Vater Abraham, wie geht es denn weiter? Liebe Schwestern und Brüder hier in Fechenheim: Ihr gebt Antwort darauf. Jesus, in unserer Mitte, traut uns zu über die Abgründe dieser Zeit hinweg Brücken der Liebe in die Zukunft zu bauen. Dann kam der Ludwig Janzen, mal sehen, wie die Brötchen dann im Reich Gottes schmecken.
Und jetzt werde ich am Schluß ganz still. Denn das Jubiläumsjubilieren macht mich immer sehr verlegen. Jesus selbst legt mir den Finger auf den Mund und sagt mir etwas wie: Wenn die Welt Jubiläen feiert, dann sonnen sie sich im Glanz vergangener Zeiten. Bei Euch aber soll es nicht so sein.
Ich möchte euch ganz leise anstiften, für eure Zukunft hier in Fechenheim die Frage zu spüren: Bist du gut? Und das kräftige Vertrauen Christi, dass ihr für die neue Zeit neue Brücken baut. Und die Anstiftung zum praktischen Handeln: Alles klar, keiner weiß Bescheid.
Amen

